Martine ist eine Leserin, die mir auch ab und an mal eine E-Mail schreibt. Mein Aufruf in Schreiben macht Schweigen zu Gold hat es ihr besonders angetan, da sie sich schon seit Jahren mit dem Thema Schreibpsychologie beschäftigt. Ihre Heimat ist der Textloft, ein Projekt, mit dem sie ihr Geld verdient. In Ihrem Blog berichtet sie über ihre Arbeit und sich.
Für das Notizbuchblog hat sie einen Leserbeitrag verfasst, der sich mit dem Thema „Schreiben“ befasst, und in dem sie über ihre Erfahrungen mit dem Thema „Schreiben“ berichtet. Da ich in Zukunft gerne öfter über das Thema „Schreibpsychologie“ und verwandte Themen berichten möchte, habe ich eine eigene Kategorie Schreiben dafür eingerichtet. Hier nun der Text von Martine:

Ganze Bibliotheken ließen sich mit Büchern zu diesem Thema füllen. Die Frage nach dem Gegensatz zwischen analogem und digitalem Notizbuch ist nicht nur eine praktische Frage, sondern auch eine neuropsychologische Frage, die das Schreiben und die Entstehung von Schriftgut überhaupt betrifft.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht bei der Schreibpsychologie der allgemein verbreiteten Meinung entgegen nicht um die psychotherapeutische Wirkung des Schreibens – hier würde untersucht, welchen Gewinn oder gesundheitlichen Nutzen jemand durch die Entwicklung schreibkreativer Techniken haben kann; das ist hier irrelevant -, sondern um die Entdeckung dessen, was in einem grundsätzlich (also beruflich) schreibenden Menschen passiert, welche Mechanismen im Gehirn aktiv sind und wie sie sich auswirken.

Vorab: Hier hat die digitale Welt keine Gegensätze geschaffen, die nicht schon zu Zeiten der mechanischen Schreibmaschine bestanden hätten: Die Anzahl der Autoren, die ihre Werke erst handschriftlich verfassen und dann abschreiben, ist nur unwesentlich gesunken. Ob man sich also für das analoge Notizbuch oder für das digitale entscheidet, ist eher mit dem eigenen Schreibprozess verbunden. Dabei spielt auch die Art des Schriftstücks (Belletristik, journalistische Texte oder private Notizen) keine Rolle.

Das handschriftliche Schreiben ist für das Gehirn komplizierter. Auch für einen Menschen, der etwa sehr schlecht tippen kann, ist es – auch wenn der Einzelne es nicht bewusst merkt – einfacher zu tippen, weil die Vorgänge, die mit der Formung der Buchstaben mit dem Stift zusammenhängen, wesentlich größere Teile des Gehirns mobilisieren. Aktiv sind da die Feinmotorik und der Denkprozess. Deshalb können Menschen nach einem Schlaganfall schneller wieder lernen, mittels einer Tastatur zu kommunizieren, als dass sie das handschriftliche Schreiben wieder beherrschen.

Durch diese Komplexität wird das handschriftliche Schreiben von unserer Psyche auch zugleich ernster genommen: Belangloses und Beleidigungen (es gab eine Studie dazu Mitte der 80er Jahre, die ich leider nicht mehr finde) tippt man eher, als das man sie mit der Hand schriebe, denn die Hemmschwelle ist beim Handschreiben höher. Durch die Mobilisierung der Motorik bedingt wird das Handschreiben auch als sinnlicher empfunden und spricht tatsächlich Teile des Gehirns an, die bei anderen sinnlichen Genüssen reagieren (angenehmer Geschmack, Sex, schöne Landschaften). Beim Tippen wiederum wird keine emotionale Komponente gemessen. Das Schreiben kann zwar genauso kreativ sein, aber es ist distanzierter – auf stilistischer Ebene sagt man dazu „journalistischer“ (auch wenn der geschriebene Text zu einem Roman gehört). Wissenschaftler vermuten, dass neben der hohen nötigen Hirnleistung auch die Erkennung der eigenen Handschrift zur Personalisierung des Geschriebenen erheblich beiträgt. Die Identifizierung mit der eigenen Handschrift wird als unausweichlich empfunden, während Schreibmaschinen-Buchstaben oder Texte am Bildschirm von jedem geschrieben worden sein könnten.

In der Unterrichtssituation – und hier spreche ich aus eigener Erfahrung (ich bin zwar mittlerweile Freie Texterin, bin aber eigentlich von Haus aus promovierte Textwissenschaftlerin und Dozentin für Stilistik und Textpsychologie) – bestätigen sich diese Erkenntnisse: Studenten fangen schneller an, den ersten Satz zu schreiben, wenn sie tippen; die Hemmung und die Zweifel an der Qualität des eigenen Schreibens sind größer, wenn sie mit der Hand schreiben. Der Umgang mit der Tastatur ist eher spielerisch (man tippt einfach drauf los und guckt am Ende, was für einen Text man da geschrieben hat), so dass hier die berühmte „Angst vor dem leeren Blatt“ gar nicht erst entsteht. Das Tippen ist sogar eine gute Empfehlung gegen eine Schreibblockade, weil es als unverbindliche Spielerei enthemmt.

Qualitativ lässt sich sagen, dass Studenten, die mit der Hand schreiben, stilistisch bessere Texte hervorbringen – wahrscheinlich, weil sie langsamer und bedachter schreiben.

Bei Brainstormig-Übungen wiederum ist das Handschreiben ein besseres Werkzeug, denn die Positionierung auf dem Blatt, der Entwurf-Charakter und die Nichtnotwendigkeit einer grafischen Ordnung unterstützen die Freiheit des Denkprozesses.

Kleines Fazit von einer, die seit über 30 Jahren schreibt und ihr Geld damit verdient: Privat schreibe ich nur handschriftlich, und es würde mir im Traum nicht einfallen, meinen Papier-Terminkalender durch ein digitales Schedule-Irgendwas zu ersetzen. Mit Freunden korrespondiere ich viel lieber mit der Schneckenpost. Beruflich schreibe ich meistens an der Tastatur, weil der Zeitdruck einfach zu groß ist. Wenn ich aber das Glückhabe, für einen bestimmten Auftrag meine Zeit frei einteilen zu können, schreibe ich mit der Hand vor. Das Abtippen ist auch eine gute Möglichkeit des Korrekturlesens.

Danke an Martine für den hochinteressanten Text! Martine hat mir zum Text noch ein paar Links geschickt, über die ich aber ein anderes Mal berichten werde.

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11 Antworten
  1. Thomas sagt:

    Sehr interessant. Persönlich schreibe ich seit einiger Zeit auch lieber mit der Hand, bevor ich etwas digital verbreite oder archiviere.

    Verblüffend bei mir vielleicht ist, dass ich von Ausbildung und beruflicher Tätigkeit her Informatiker bin (genau wie der Autor dieses Blogs auch). Viele Leute erachten es als zwingend, dass wir Informatiker grundsätzlich alles online, digital und mit irgendwelchen elektronischen Hilfsmitteln machen 🙂

  2. Stefan K. sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag. Ich bin gespannt auf mehr. In der Zwischenzeit werde ich das „TextLoft“ etwas näher unter die Lupe nehmen. 😉

    Nicht zuletzt bei derartigen Beiträgen stelle ich immer wieder fest, wie sehr ich das Notizbuchblog schätzen gelernt habe. Und um die Kurve zum Thema zu kriegen: Auch ich schreibe seit kurzem wieder verstärkt mit der Hand, habe meine alten Füllfederhalter neu mit Tinte befüllt und diverse Notizbücher, Kalender und Kladden gekauft, in die ich mit – erneut erwachter – Begeisterung schreibe. Und gerne würde ich wie Martine auch mit meinen Freunden wieder mal handschriftlich per Schneckenpost korrespondieren. Da sich aber alle mittlerweile an E-Mail und SMS gewöhnt haben, fürchte ich, dabei etwas schief angeblickt zu werden…

    Viele Grüße. Stefan

  3. Martine sagt:

    @Stefan K.
    Ja, Stefan, das ist etwas dran. Einige Freunde finden es durchaus ein wenig schrullig, und ich versuche auch, so etwas wie ein Mittelmaß zu finden – regelmäßig kleine Nachrichten per eMail, längere Briefe, Geburtstags- und Weihnachtskarten aber per Schneckenpost. Es ist auch schon vorgekommen, dass Bekannte sich von der Schneckenpost abgeschreckt gefühlt haben („muss ich etwa auch auf Papier antworten?“), aber mittlerweile wissen alle, dass es so eine kleine persönliche Macke von mir ist, und nehmen das eben als solche hin. Sie antworten dann einfach per eMail und necken mich damit, dass ich wohl Geld im Überfluss habe, wenn ich es so freiwillig der Deutschen Post gebe. Eine einzige Bekannte hat mich ausdrücklich gebeten, nur per Mail mit ihr zu korrespondieren – und da wären wir wieder beim Thema -, weil sie Hemmungen habe, wenn sie auf Papier schreiben müsse; per eMail könne man viel freier schreiben, sie würde sich sonst nicht trauen, mir zu antworten. Wir kennen uns noch nicht so gut und sie hat – so scheint mir zumindest – einige Komplexe, weil sie, wie sie selbst sagt, „nur einen Realschulanschluss“ hat. Ich denke, dass das auch ein gutes Beispiel dafür ist, wie entlarvend einige Menschen das Handschreiben empfinden. Was natürlich schade ist.

  4. Regina sagt:

    @Martine

    Das mit den Hemmungen, das kenne ich auch – bei mir liegt es aber eher an der Handschrift, die durch viel PC-Arbeit auch nicht unbedingt besser geworden ist. Ich glaube manchmal, dass mich Handschriften-Experten für mindestens 5 Personen halten müßten, so große Unterschiede gibt es bei mir, je nachdem, wie ich sitze und welchen Stift ich benutze.

    Seid ich wieder mehr per Hand schreibe, wird das allerdings auch wieder etwas besser. Wie sagt man? Üben übt!

  5. Martine sagt:

    @Regina

    Wenn es Dich interessiert – und wenn Christian mir erlaubt, hier mal ganz frech Eigenwerbung zu betreiben -: Ich habe vor einiger Zeit in einem anderen Blog ein paar Artikel zum Thema „Pflege der eigenen Handschrift“ geschrieben. Es sind insgesamt nur acht kleine Textchen, aber nun… (http://www.papier-tinte-schrift.textloft.de/?p=201 und die folgenden Beiträge).

  6. Regina sagt:

    @Martine

    Danke für den Hinweis – fast möchte ich sagen: ich habe es befürchtet … natürlich hilft dann auch das Briefe Schreiben, damit die Handschrift in Form bleibt.

  7. Christian sagt:

    @Thomas: gerade viele digital-afine Menschen nutzen Notizbücher. Die Erfahrung mache ich immer wieder.

    @Stefan: danke für die Blumen. Ich hoffe, in Zukunft weitere Artikel zum Thema schreiben zu können. Quellen haben mir die Leser schon viele geschickt.

  8. Christian sagt:

    @Martine: kein Problem mit der Eigenwerbung 🙂

  9. Hallo Christian,

    hier kleine Ergänzung zu diesem Beitrag (den Artikel habe ich gestern entdeckt und natürlich sofort an Dich gedacht):
    http://www.faz.net/s/Rub68A2FB838B0C423DB5734236A5FFC821/Doc~E378841D532764D88852CCD04F463FD7F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    Viele Grüße
    Martine

  10. Christian sagt:

    @Martine: sehr schöner Artikel, danke dirfür den Linktipp.

  11. Himbeere sagt:

    Ein Augenöffnender Artikel. Vielen Dank dafür!

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