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Bei galleycat (via @wiredprworks) fand ich den Link auf den Artikel Will social media kill writers’ diaries?.
Heutzutage schreibt ja jeder alles sofort öffentlich online. Egal, ob PRISM oder andere Datensammler aktiv sind, egal, ob es peinlich wird und Fremdschämen auslöst. Die Autorin selbst führt (noch) kein analoges Tagebuch, denn

[…] there’s something deeply satisfying about the instant feedback one can get from social media friends […]

Aber alles will sie dann doch noch mit den Menschen da draußen teilen:

[…] Yet part of me is intimidated by the idea of sharing all of myself with an audience. The privacy of a good old-fashioned diary for my unfiltered thoughts is incredibly appealing […]

Das Gefühl, nicht alles teilen zu wollen, eint aber viele Menschen, die schreiben – egal ob als Schriftsteller oder als private Aktivität. Tagebücher sind etwas sehr Intimes und sollten es auch bleiben. U.a. deshalb finde ich die Idee, online mit einem Cloud Dienst Tagebuch zu führen einfach absurd. Ich hätte zum einen große Verlustängste, dass das Geschriebene irgendwann weg sein könnte. Zum anderen möchte ich nicht, dass meine Gedanken einem Hacker zum Opfer fallen oder auf einem modernen Pranger erscheinen (irgendwelche XYZ-Plags oder ähnlich pseudo-Crowd-Wohltaten-Seiten).
Meine Tagebücher haben ihre eigene Form. Freie Assoziationen teilen sich eine Doppelseite mit Gedankensortierungen, klassische Tagebucheinträge (gibt es sowas?) treffen auf Ideenskizzen, Aufgabenlisten stehen neben Gedanken und Geschehnissen, an die ich mich später wieder erinnern will. All das und noch viel mehr möchte ich nur für mich – ohne Rücksicht auf Konsistenz, Analysierbarkeit oder Verwertbarkeit. Manchmal ist Schreiben einfach nur Selbstzweck; selten, kommt aber vor.

Ich glaube nicht, dass Social Media das Tagebuchschreiben obsolet machen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Gründe fallen mir ein, warum jemand analog für sich schreiben sollte. Was ich von digitalen Tagebüchern halte, wisst ihr spätestens seit Facebook Timeline – Tagebuch der Moderne?.

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Schonmal Hitze in der Stadt beschrieben? Die gelben Rasenflächen, die schlappen Blätter des Holunderbusches, das trockene Husten der Krähe, die Mainzelmännchentattoos auf der Wade der Kellnerin, die Hygienemaßnahmen der Punks auf der Bank im Schatten? Sie zupft ihm die Nasenhaare, er niest sich den Kitzel aus dem Leib, sein schwarzes Hoodie klebt am Körper.

Überhaupt die Schattenbänke! Bevölkert von den Alten, die ihren stickigen Wohnungen entfliehen und lesend, plaudernd, dösend am Kanal sitzen.

Schonmal aufgeschrieben, wie das Hemd am Rücken klebt, wie der Ventilator den Papieren auf dem Schreibtisch Leben einhaucht, wie Fenster krachend zufliegen, weil das Prinzip Durchzug seine Tücken hat? Aufgeschrieben, wie die Synapsen im Gehirn Siesta halten, obwohl Deadline droht.

Sie hat ihr Kosmetiktäschchen zugeklappt, übt Handstand am Ahornbaum. Zwei Beine in durchlöcherten Netzstrümpfen ragen in den Himmel.

Sommer in der Stadt! Schreib´s auf, der nächste Winter kommt bestimmt!

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Ist es Dir im Freibad zu laut und in der Sonne zu heiß? Dann such´ Dir einen schattigen Platz, möglichst in der Nähe eines duftenden Rosenstrauchs und hol Dein Tagebuch aus der Tasche.
Fällt Dir nichts ein? Versuch es mal mit dem Erinnern! Das Erinnern im Tagebuch hat den tieferen Zweck, relevante Lebensthemen zu wecken. Nicht, um die Autobiografie zu schreiben (warum eigentlich nicht?), sondern um leichtfüßig in verborgenen Räumen umherzustreifen. Die entsprechende Technik dafür ist zum Beispiel das Sequentielle Schreiben. Jeder neue Satz beginnt mit den gleichen drei Worten: Ich erinnere mich… Jeder Satzanfang wird ergänzt mit spontanen Erinnerungen. Nach den ersten zehn bis zwölf Ergänzungen tauchen Bilder oder Situationen auf, die lange verschüttet waren, an die man lange nicht gedacht hat.
Der Erfolgsschriftsteller Eugen Ruge (Preisträger des Deutschen Buchpreises 2011) tut genau das in seinem neuen Buch Cabo de Gata (Werbelink), rowohlt 2013. Der Ich-Erzähler erinnert sich ausgiebig und scheint dadurch nicht nur seine Schreib- sondern auch seine Lebenskrise zu bewältigen:

„Ich erinnere mich an den Anflug von Übelkeit, als die ersten Schokoladenweihnachtsmänner in den Schaufenstern auftauchten und ich noch immer nicht wusste, wo ich hinwollte.“ (S.20).

Erinnern fängt manchmal harmlos an und kann sich zu einer Reise in unbekannte Gefilde entwickeln. Schöne Reise allerseits!

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Wie ích immer wieder an den Artikelzugriffszahlen sehen kann, sind viele von euch Roterfaden Fans. Beate von Roterfaden hatte Angelika und mir schon vor einiger Zeit ein Tagebuch-Notizbuch zur Rezension zur Verfügung gestellt, aber wir sind nie dazu gekommen, darüber zu schreiben. Deshalb mit etwas Verspätung heute. Das Tagebuch Notizbuch wird auf der Roterfaden Webseite so vorgestellt:

[…] Fadengebunden – 80g Papier – 128 Seiten – linke Seite Punktraster // rechte Seite Notenlinien – Jedem Tagebuch liegt ein Sticker in der aktuellen Jahresfarbe bei. Wer diesen aufklebt, kann die eigenen Skizzen später nach Jahresfarbe archivieren. – Erhältlich in A6 und A5 -100% MADE IN GERMANY […]

Ein A6 Exemplar kostet 8,50 EUR. Meine beiden A6 und A5 Exemplare haben die üblich gute Roterfaden Qualität und die sichtbare Bindung, die beim Einlegen in einen Roterfaden Einband natürlich nicht mehr sichtbar ist. Interessant ist sicher die ungewöhnliche Lineatur: jede Doppelseite hat links Punktraster und rechts Notenlinien. Nun bin ich kein musikalischer Mensch und meine Tagebucheinträge schreibe ich schweigend, aber ich finde die Idee mit den Notenlinien zumindest so exotisch, dass sie fast schon wieder zu kreativen Lösungen anregt. Daher heute in Verbindung mit der Verlosung die Frage: wozu würdet ihr die Notenlinien nutzen, wenn ihr eure Tagebucheinträge in eines der Büchlein schreiben würdet?

  • Die Verlosung startet 11. Juni 2013 und endet am 14. Juni 2013 um 18 h
  • Wer teilnehmen möchte, muss hier einen Kommentar mit einer gültigen E-Mail Adresse hinterlassen (wird nicht angezeigt und nur für die Verlosung verwendet)
  • Bitte sagt mir im Kommentar, wozu ihr die Notenlinien nutzen würdet, wenn ihr eure Tagebucheinträge in eines der Büchlein schreiben würdet?
  • Am Ende werden alle Kommentare durchnummeriert und die Gewinner per Zufallsgenerator ermittelt
  • Ich schreibe die Gewinner dann an und erfrage die Postanschrift.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Heute auch keine Verlosung über Twitter …

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Sie wollen, dass ich meine Gedanken und Gefühle aufschreibe. Dann bieten sie mir an, dass ich meine geheimen Aufzeichnungen an sie schicken kann, sie würden sie für mich aufbewahren. Sie würden sie feinsäuberlich ablegen, so dass ich jederzeit in den Begebenheiten meines Lebens stöbern könne. So eine Art Gedankenmöbellagerung im Container, also selfstorage. Sie wollen kein Geld dafür haben. Ich habe eigentlich nur Vorteile davon. Oh life, oh life, soll ich das glauben?

Eigentlich nutze ich das Internet wie viele andere mit mir: naiv, unbedarft, hoffend, dass meine Spuren sich im Datenozean verlieren und dass Regierungen oder Kriminelle oder beide never ever Interesse daran haben könnten, meine Wege im Netz zu verfolgen. Aber auch meine Blauäugigkeit ist erschütterbar. Insbesondere dann, wenn ich die Logik eines Angebotes nicht verstehe. Vielleicht kann mir jemand helfen bei dem vorliegenden Angebot:

Mein Verständnisproblem: ich kann mit Stift und Papier oder im notebook alles aufschreiben, was ich will, wann ich will, wo ich will und kann es mir jederzeit abrufen oder es wiederfinden. Warum sollte ich meine „memorable days“ bei ohlife.com speichern? Ich kenne die doch gar nicht. Und wofür brauche ich eine Erinnerungsmail von den Herrschaften?

Bin ich zu paranoid, zu beschränkt oder zu weitab aller digitalen Weiterentwicklungen, um den Sinn zu verstehen?

Bitte um Aufklärung!

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Man muss sich immer wieder wundern, welche Meldungen ihren Weg in die Welt finden. Eine Sensationsmeldung für Notizbuch- und Tagebuchfreunde findet sich auf Emma Watson has Imposter Syndrome, dort wird sie wie folgt zitiert:

[…] I’ve always kept and collected things, and I’ve always been interested in the idea of diaries. I must have 10 different personal diaries: I keep a dream diary, I keep a yoga diary, I keep diaries on people that I’ve met and things that they’ve said to me, advice that they’ve given me.
“I keep an acting journal. I keep collage books. They’ve given me a place in which I can try to figure myself out, because those kinds of ideas feel too personal to put out into the public or even discuss with anyone else. It allows me to get things out of my head and work them out in a way that feels safe, which is really helpful. I can kind of try things out and play around with things.[…]

Interessant ist vor allem der Zusammenhang, in dem sie über ihre obsessive Tagebuchleidenschaft spricht: sie leide angeblich unter dem sogenannten „imposter syndrome“ (s. auch Wikipedia), am ehesten zu umschreiben als Hochstaplerphänomen oder auch das Gefühl, eine Mogelpackung zu sein. Offensichtlich klärt sie in einem ihrer Tagebücher ihr Verhältnis zur Welt. Vielleicht bewältigt sie so die Angst des Hochstaplers vor dem Auffliegen, wenn sie sagt, dass sie Dinge im Tagebuch verarbeitet, um sich sicher zu fühlen.

Andere brauchen dafür Alkohol oder Tabletten, Diaristen nehmen ihr Tagebuch!

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Dringende Warnung an alle Menschen, die ein Tagebuch führen und persönliche Erlebnisse und Erfahrungen – was denn sonst? – da rein schreiben!
Wer unschöne Flecken auf seiner weißen Lebensweste aufweist, wer eine Person von öffentlichem Interesse ist, wer außerdem mehrere Kinder hat und sein Tagebuch achtlos den Nachkommen überlässt, der sorgt möglicherweise für Ärger unter denselben.

So geschehen im Haus Filbinger. Die Tochter findet, so heißt es im Vorwort ihres Buches Kein weißes Blatt: Eine Vater-Tochter-Biografie (Werbelink), Campus Verlag , die Tagebücher ihres Vaters beim Ausräumen des Elternhauses. Was tun damit? Entsorgen oder literarisch verarbeiten?

Wen würde es nicht in den Fingern jucken, die persönlichen Aufzeichnungen des eigenen Vaters, gar eines Mannes mit braunen Flecken auf seiner Weste, zu lesen und sich daran abzuarbeiten? Welche Tochter, welcher Sohn bekommt posthum noch einmal die Chance, ein Elternteil auf diese Weise zu begreifen?
Wehe aber, wenn die Geschwister über die Persönlichkeitsrechte des Vaters uneins sind, wenn sie nicht im Vorwege klären können, wo die Rechte anfangen und wo sie aufhören. Laut derzeitiger Rechtslage gehören die Tagebücher allen fünf Kindern, so mussten die wörtlichen Zitate aus dem Buch entfernt werden (Stuttgarter Zeitung vom 26.04.13) und am 2. Mai war Erscheinungstermin der korrigierten Fassung.

Zurück zur Warnung: solltet ihr Ärger unter euren Nachkommen vermeiden wollen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Verbrennen
  • Dem Deutschen Tagebucharchiv übereignen (http://www.tagebucharchiv.de)
  • Testamentarisch bestimmen, was wer damit tun darf und was nicht
  • So unspektakulär leben und schreiben, dass niemand sich je für eine Veröffentlichung interessieren wird

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Manchmal denke ich darüber nach, was ich schreiben würde, schrieb ich täglich Tagebuch. Natürlich nicht so eins, das dem späteren Ruhm zu dienen hat, sondern ein echtes…

So beginnt der Blogeintrag des Kulturwissenschaftlers Norbert W. Schlinkert. Er räsoniert über die Unterschiede zwischen dem „echten“ privaten Tagebuch und dem „fiktiven“, dem öffentlichen, also dem Weblog. Dann fragt er sich, was er in ein echtes Tagebuch überhaupt schreiben würde. Den Kommentar von Phyllis dazu finde ich sehr erhellend:

„…Ein privates Tagebuch zu führen: Manchmal vermisse ich das. Seitdem ich TT mache, liegt mein Tagebuch brach. Mir war damals nicht klar, dass das Weblog sich so auswirken würde. Das Zwiegespräch mit sich selbst, der Gang nach Innen wird ersetzt von diesem (für mich immer noch erstaunlichen) Gefühl, sich mit der öffentlich dargebrachten Gabe ein bißchen mit der Welt, den Anderen vermischen zu können….“

Darauf Herr Schlinkert:

„…Insofern fehlt uns, die wir ein persönliches Blog machen, die Tagebuch-Stufe, wir schreiben “es” direkt öffentlich, dabei aber bereits verklausuliert und somit schon ohne die Ausschläge nach ganz oben und unten, die allenfalls ahnbar sind. Wir sind Autoren unserer selbst und vergessen womöglich, dem Text ein Original als Basis zu geben – ist das so? Darüber wäre nachzudenken!“

Nachzulesen im Blog von Norbert W. Schlinkert

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Wird Stress mehr oder weniger, wenn man darüber schreibt? Je mehr in den Magazinen über Stress, Erschöpfung und Burn-Out berichtet wird, desto mehr scheint er zu wachsen. „So schlagen Sie den Stress!“ , „Gestresst oder depressiv? So erkennen Sie die Signale!“ , „Für jeden Stesstyp das passende Training“. Dann erklären einem die Fachleute wieder, warum sie wem welche Form des Ausgleichs empfehlen, warum der eine Joggen soll, andere aber Tai Chi üben, schwimmen oder Badminton spielen sollen (Stern, Gesund leben, Heft 2, 2013).

Meist stressen schon die Empfehlungen. Vor allem dann, wenn sie mit Ansprüchen und Aufwand verbunden sind. Leichtfüßig müssten die Maßnahmen gegen den Stress daher kommen! Mühelos belebend, wie ein leichter Frühlingswind nach endlosem Winter.

Frühlingswind bei Minustemperaturen? Da hilft nur eins: die Flucht ins kreative Schreiben!

Zum Beispiel mit dem Automatischen Schreiben: 5 Minuten den Stift über die Seiten jagen, ohne Absetzen, ohne Zensur und Kontrolle. Alles darf raus. Sich leer schreiben, bis die 5 Minuten vorbei sind. Dann aber sofort aufhören, auch wenn es schwer fällt.

Oder ein Tipp, den man als Labeling bezeichnen könnte, gefunden bei: A Simple Way to Calm Yourself: Describe Your Emotion. Hier schreibt sich der Autor aus schlechten Stimmungen heraus, weil er das Gefühl beim Namen nennt: „Ich bin gerade überfordert“ oder: „Ich fühle mich zerfranst“. Kein langer Text, keine Analyse der eigenen Befindlichkeit. Einfach nur benennen, welches unangenehme Gefühl vorherrscht. Nach seiner Erfahrung stellt sich sofort Entlastung ein: Gefahr erkannt, Gefahr benannt, Gefahr gebannt.
Natürlich kann man auch mit dem Stress spielen, wie ein altes griechisches Schreibspiel, das Akrostichon, uns nahelegt:

S icher ist, dass das
T empo, in dem wir leben, uns
R ichtig zwirbelt.
E s gibt sie so
S elten, die Momente der leichtfüßigen
S eligkeit.

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Am Freitag hat Christian die neuen Notizbücher von Suhrkamp vorgestellt. Wer sich für die Reihe interessiert, findet einen süffisanten Kommentar dazu von der Süddeutschen Zeitung.

Wer aber tatsächlich viel in der Nacht schreibt, vor allem weil der Schlaf ein scheues Reh ist, wird Vergnügen finden an dem neuen (großartigen) Buch von Katharina Hagena: Vom Schlafen und Verschwinden (Werbelink). Seite 55 heißt es:

[…]Nach Plinius ist es gegen Schlaflosigkeit gut, einen Reiherschnabel in Eselshaut zu nähen und ihn sich vor die Stirn zu binden. Aber Wermut unter dem Kopfkissen, sagt er, helfe ebenfalls.[…]

Eine Schlafforscherin denkt nach in der Nacht. Sie kann nämlich nicht schlafen. Marthe, tragische Figur in dieser Geschichte, führt ein Chortagebuch. Sie tut dies in einem Stil, den ich an dieser Stelle allen Tagebuchschreibern, vor allem aber den Nachtschreibern ans Herz legen möchte: lass die Poetin, lass den Dichter in dir frei! Verwandle die Schatten der Nacht in Poesie!

Anbei zur Ermutigung für Nachtschreiber ein Beispiel aus meinen eigenen Experimenten mit einem „Nachttagebuch“:

Ich bin die Prinzessin auf der Erbse.
Die ganze Nacht kein Auge zugetan. Schatten treiben Schabernack. Aus kleinen Tagesbläschen werden große Nachtballons.
Angst vor dem nächsten Tag oder Leichen im Keller oder beides zugleich? Ich wälze mich auf vorgeblich dicker Unterlage und sage mir: die Kissen sind weich, die Menschen sind freundlich, es gibt zu essen, ich bin geschützt vor Wind und Kälte, ich mache jetzt die Augen zu. Einatmen, ausatmen, der Körper wird schwer. Doch weiter drehe ich mich und wende mich wie ein Hähnchen auf dem Grill. Kein Friede will sich einstellen in meiner Seele. Das erste Morgenlicht findet mich noch immer wach, ohne ein einziges Sandkorn im Auge. Dafür jedoch übersät mit gelben und blauen Flecken. Gott weiß, was in meinem Bett gewesen ist! Ich zähle mehr als zwanzig Matratzen und zwanzig Daunendecken in meinem Leben. Und doch muss es etwas Hartes geben, tief verborgen, unter gepolsterten Schichten, dem bloßen Auge nicht zugänglich, was drückt und kneift und es einfach nicht gut sein lassen will.

(veröffentlicht im Hamburger Abendblatt, April 2011)

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