Kathrin Passig schreibt in Das Buch als Geldbäumchen über die Zukunft des Buches. Darin finden sich einige interessante Ansichten zum Nutzen des gedruckten Buches. Dabei spielt das Buch auch als “Einrichtungsgegenstand” und Regalfüller eine Rolle.

[...] Sobald das Lesen nicht mehr zwingend ein physisches Medium erfordert – und das ist schon seit vielen Jahren der Fall –, wird das Besitzen von Büchern uninteressanter. Wenn das Bücherregal nur noch unvollständig abbildet, was der Inhaber alles gelesen hat, weil ein Großteil dieser Lektüre ebenso in papierloser Form stattgefunden haben kann, lässt seine Attraktivität als Einrichtungsgegenstand nach [...]

Das spannendste Argument ist aber das, dass Leser sich keine Zeit mehr für lange Texte nehmen wollen, weil sie keine Geduld mehr für lange Texte haben:

[...] Es gelingt mir kaum mehr, ein Sachbuch zu Ende zu lesen. Da es immer noch vor kommt, dass ich Bücher mit derselben Konzentration und Begeisterung wie früher lese, neige ich nicht zu Nicholas Carrs These, dass das Internet mein Gehirn erweicht hat. Ich bin lediglich ungeduldiger geworden, und diese Ungeduld hat verschiedene Gründe. Vor allem meine Toleranz für Füllmaterial in Texten hat internetbedingt nachgelassen [...]

Hier geht es natürlich in erster Linie um Sachbücher bzw. um das Lesen als Wissensaneignung. In ein ähnliches Horn bläst Sam Harris in The Future of the Book. Er macht sich Gedanken darum, welche Buchlänge wohl die geeignete ist, um seine Themen an die Frau oder den Mann zu bringen, und denkt dabei an die Opportunitätskosten der Lesezeit:

[...] I’ve suddenly become acutely sensitive to the opportunity costs of reading any one of them. If your book is 600 pages long, you are demanding more of my time than I feel free to give. And if I could accomplish the same change in my view of the world by reading a 60-page version of your argument, why didn’t you just publish a book this length instead? [...]

In analogen Bücher muss man sich aufwendig “durcharbeiten”, da es keine Suchfunktion wie in den digitalen Pendants gibt. Außerdem muss man das volle Produkt kaufen, man kann keine reduzierten Zusammenfassungen kaufen. Wobei: getabstract.com macht sich genau diese Zeitknappheit zu Nutze und baut sein Geschäftsmodell auf die Bereitstellung von Buchzusammenfassungen – digital versteht sich.
Ohne jetzt weiter darauf einzugehen: ich kann mir das alles nur sehr schwer für Belletristik vorstellen. Weder analog noch digital. Unterhaltung ist anders. Träumen auch.

Was hat das alles mit Notizbüchern zu tun? Das bringt mich auf meine Frage im Titel zurück: Siegt das Digitale? Der zunehmend verkürzende und schnelllebige Charakter des Gelesenen findet man ähnlich im Geschriebenen. Dies trifft auch auf das Internet zu, aber v.a. auf das analoge handschriftliche Schreiben. Es gibt sie noch, die langen (Blog-)Artikel im Netz, aber das meiste wird per Tweet, Comment, Like oder Foto-Sharing (ok, ist kein Schreiben) verteilt. Und das geht alles schnell und per Mausklick. Wer will denn da noch langsam von Hand etwas zu Papier bringen? Wer akzeptiert oder sucht gar Entschleunigung? Wer schreibt Gedanken auf, die nicht das perfekte Kondensat eines Argumentes sind? Wer schreibt noch Dinge, die auch “Füllmaterial” enthalten, die nicht nur reine Information enthalten? Wer nimmt sich noch die Zeit dafür?
Ich glaube, es gibt sie noch, die Menschen, die von Hand schreiben, die sich Zeit nehmen, die ein Notizbuch benutzen. Siegt das Digitale? Ich weiß es nicht, aber es ist ein großer Gegner. Und ich bin mir nicht sicher, ob ein Sieg des Digitalen wirklich alles besser macht, auch wenn dann alles anders ist. Was meint ihr? Lohnt ein Aufbegehren? Wird das Analoge seinen Platz neben dem Digitalen halten können?

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8 Antworten
  1. Mirko sagt:

    Ich nutze intensiv einen Kindle und kaufe auch mittlerweile viele Sachbücher und Prosa als eBook. Aber hier vor allem englischsprachige Literatur, die ich sonst kaum bekomme.

    Aber ich liebe das Gefühl eines Buches. Ich kaufe nach wie vor Bücher und werde das auch so lange tun, wie ich das kann. Aber ich kaufe selektiver.

    Und neben einem Notizbuch sieht eine Textdatei nach wie vor öde aus. Dass die Aufmerksamkeitsspanne mancher aus der Twitter-Generation nur noch 5min anhält… nun ja… Einsicht ist der beste Weg zur Besserung sag ich mal.

  2. Christian sagt:

    Hier noch ein passender Link von Leserin https://twitter.com/#!/iris30606/statuses/143724187897442305

    The Pen Is Mightier Than The Phone: A Case For Writing Things Out – http://bit.ly/sgOejo

  3. Sabine sagt:

    Ich mag es einfach gern, Papier in der Hand zu haben. Mit einem e-book fehlt mir das. In sofern greife ich weiterhin zum Buch. Mal einen Zettel reinlegen, ein selbstgemachtes Lesezeichen, auch mal eine Randnotiz bei Fachbüchern … unübersichtlicher beim e-book – finde ich.

  4. Tristan sagt:

    Hallo zusammen,

    ich finde e-books an sich interessant, weil sie innerhalb von Minuten verfügbar sind und der Reader weniger Platz in der Tasche wegnimmt als die Bücher. Allerdings gehöre ich auch zu den Leuten, die gerne Papier in der Hand haben.
    Daher glaube ich nicht, dass sich das digitale Lesen und Schreiben auf Dauer überall durchsetzen wird. Jeder Student, der schonmal versucht hat, ein etwas unübersichtliches Tafelbild während der Vorlesung digital mitzuschreiben, wird mir beipflichten, dass Papier und Stift jedem Smartphone und jedem Tablet überlegen sind.
    Daher mache ich mir um das analoge Lesen und Schreiben auch keine Sorgen.

    Gruß,
    Tristan

  5. Ich kaufe auch selektiver. Fachliteratur besorge ich mir fast ausschließlich in elektronischer Form, lese und bearbeite sie auf einem Laptop (zuhause am Schreibtisch9 oder auf einem einfachen (billigen) Androidtablet (unterwegs)

    Bei allem Anderen kaufe ich weniger, aber dafür meistens die “schönere” Ausgabe.
    Einmalschmöker für den Bus oder die Zugfahrt kaufe ich auch bevorzugt elektronisch. So nehmen sie nicht so viel Platz weg.

    Notizen mache ich immer noch analog. Vor Allem im Gespräch mit Kunden ist ein Notizbuch einfach akzeptierter als das Getippe auf einem elektronischen Gerät.

    P.S. Der Student sollte vielleicht einfach eine Digiknipse nutzen und das komplizierte Tafelbild abfotografieren. So ließe sich auch das Werden des Anschriebs dokumentieren.

  6. Christian sagt:

    @Sabine:stimmt, so geht es wohl den meisten hier. Allerdings lassen die E-Fans das Haptik Argument meist nicht gelten, weil deren Meinung nach die Vorteile des Digitalen überwiegen.

    @Tristan: diese Sichtweise (Transkribieren eines Schaubildes während der Entstehung) hatte ich noch nie hinsichtlich Vorteil von Papier und Stift . Sehr guter Einwand.

    @Michael: die AKzeptanz beim Gegenüber – auch das ist ein gutes Argument für das Analoge, das mir so bisher nicht untergekommen ist. Es hat auch etwas Abweisendes, wenn man während eines Gespräches auf einem digitalen Gerät herumfingert.

  7. Himbeer sagt:

    Analog oder digital – muss es wirklich so dichotom sein? Ich finde beides hat seine Stärken und je nach Ziel verwendet man das eine oder das andere. Für Notizen bzw. Tagebuch finde ich ein greifbares schönes Notizbuch großartig. Ich finde auch selbstgeschriebene Briefe und Postkarten zu besonderen Anlässen auch tausendmal schöner als eine email. Dafür sind Emails für Geschäftskontakt oder um überhaupt (mit Freunden) in Kontakt zu bleiben sehr hilfreich, da es billig und einfach ist. Was Bücher betrifft: Sachbücher möchte ich in den Händen haben, den üblicherweise mache ich viele Notizen und mag das Gefühl voranzukommen (Seiten umblättern…). Falls ich einen Text für die Universität nur online bzw. digital habe, drucke ich ihn je nach Länge oft aus. Ich kann mich so viel besser konzentrieren.
    Belletristik lese ich ohnehin nicht mehr. ;-)

  8. Ralf sagt:

    Für die “Sicherung” meiner Bücher habe ich eine Hausratversicherung. Dagegen habe ich schon mehrmals DRM-geschützte eBooks eingebüßt. Wird in der Cloud wahrscheinlich auch nicht viel anders werden :-)
    Mag ja sein, dass das Digitale siegen mag, aber auf Dauer? Was ist, wenn die entscheidende Sicherung mal nicht da ist (auch in der Cloud). Was, wenn das eigene Einkommen nicht mehr reicht, um alle zwei Jahre das neue Tablett zu kaufen? Weil man selbst mit 40 oder 50 die Haltbarkeit als leistungsfähiger Arbeitnehmer verliert und ausgemustert wird. Ich mag manche Errungenschaft des Digitalen, aber die zunehmenden Abhängigkeiten geben mir immer mehr zu denken.

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